Interview: Asia Bridge

Interview mit Asia Bridge, Ausgabe Oktober 2018.

„Heimat fern der Heimat“

Als unendlich großes und vielfältiges Land lässt sich China in keine Schublade stecken, sagt Martin Bürger. Um eine Auseinandersetzung mit der Volkswirtschaft kommen erfolgreiche deutsche Unternehmen aber nicht umhin, so der Gründer der Unternehmensberatung Bürger SinoConsulting, denn China ist Chance und Konkurrent zugleich.

Das erste Mal in Asien war ich … als Schüler im Rahmen eines einjährigen Kulturaustauschs. Mit 17 Jahren lebte ich in einer chinesischen Gastfamilie und war einziger europäischer Schüler an einer High School in Nanjing.

Anders, als ich erwartet hätte, … sind Chinesen überaus facettenreiche und warmherzige Menschen. Sobald man chinesische Freunde gewonnen hat, sind das die treuesten Gefährten, die man sich vorstellen kann.

Am meisten verändert hat sich in China seit damals … das grundlegende Bewusstsein für Umweltthemen. Das Land ist zudem zu einem bedeutenden globalen Player und einem der wichtigsten Kooperationspartner Deutschlands geworden. In naher Zukunft wird es sich zum Innovationstreiber und zu einem entscheidenden Absatzmarkt für deutsche Produkte entwickeln. Eine Auseinandersetzung mit China ist für erfolgreiche Unternehmen schon jetzt strategische Kernaufgabe.

Zum Thema „interkulturelle Unterschiede“ fällt mir … die unendliche Vielfalt des Landes ein. Doppelt so groß wie die EU lässt sich China in keine Schublade stecken.

In das größte Fettnäpfchen getreten bin ich, als … mich ein deutscher Klient beim Geschäftsessen mit chinesischen Partnern fragte, wie man „Prost“ auf Chinesisch sagt. Das chinesische Äquivalent „Gan Bei“ heißt wörtlich übersetzt „trockne das Glas“ und bedeutet für Chinesen daher auch häufig „auf ex trinken“. Voller Stolz gab unser Klient die neue Vokabel zum Besten. Die Chinesen, offenbar kurz verwundert über die Fähigkeit der Deutschen, Unmengen Bier zu konsumieren, leerten gesichtswahrend und binnen Sekunden allesamt ihre Halbliter-Krüge. Die Deutschen, ziemlich erstaunt, taten es ihnen gleich.

An den Asiaten schätze ich besonders … ihre Gelassenheit, ihre Fähigkeit zur Bildung von Kompromissen und natürlich ihre Kochkunst.

In China bin ich am liebsten … bei meiner Gastfamilie in Nanjing. Das ist meine Heimat fern der Heimat.

China-Reisende sollten … sich eine ortskundige Begleitung suchen. Nur so sieht man mehr und schafft es, Land und Leute authentisch wahrzunehmen, die Perspektive zu wechseln.

Kennenlernen würde ich gern einmal … Mir fällt keine bestimmte Person ein. Solange ich etwas von ihm lernen kann, lerne ich jeden Menschen gern kennen.

Wenn ich in die Zukunft blicke, denke ich, dass wir noch einmal überrascht sein werden von … der Innovations- und Konkurrenzkraft chinesischer Unternehmen. Im Moment haben deutsche Firmen noch die Gelegenheit, sich gegenüber ihren chinesischen Mitbewerbern zu behaupten, das heißt, Marktanteile in China und im Heimmarkt zu sichern.

ZUR PERSON

  • Martin Bürger berät deutsche mittelständische Unternehmen und internationale Konzerne bei der strategischen Entwicklung ihrer Geschäftsfelder und Prozesse in China.
  • 2012 gründete Bürger dazu die Beratungsagentur Bürger SinoConsulting mit Sitz in Berlin.
  • Bürger studierte Wirtschaftssinologie an der Hochschule Bremen und Wirtschafts- sowie Vertragschinesisch an der East China Normal University in Shanghai. Schon mit 15 Jahren begeisterte er sich für China; mit 17 Jahren lebte er während eines AFS-Kulturaustauschs ein Jahr lang in Nanjing.

Dieser Beitrag erschien zuerst im Wirtschaftsmagazin Asia Bridge.